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Box Breathing oder lange Ausatmung?

  • vor 12 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit
Weißer Würfel vor dunklem Hintergrund als Symbol für strukturierten Atemrhythmus.

Manchmal ist die Frage ganz praktisch. Jemand hat von Box Breathing gehört. Eine andere Person empfiehlt die lange Ausatmung. Beides soll „bei Stress helfen“.


Und dann entsteht Unsicherheit.


Was ist eigentlich sinnvoller? Ist das eine wirksamer als das andere? Oder hängt es von etwas anderem ab?


Ich erlebe diese Frage häufig in der Praxis. Sie ist nachvollziehbar. Und sie verdient eine nüchterne Einordnung.


Zwei Techniken – zwei unterschiedliche Wirkprinzipien

Zunächst: Beide Methoden gehören zur funktionalen Atemregulation. Beide können stabilisierend wirken. Aber sie setzen unterschiedliche Schwerpunkte.


Box Breathing – Struktur und Rhythmus

Box Breathing folgt einem klaren Muster: Einatmen – Halten – Ausatmen – Halten. Meist in einem gleich langen Zählrhythmus. Zum Beispiel 4–4–4–4.


Der Effekt entsteht vor allem durch:


  • rhythmische Struktur

  • Vorhersagbarkeit

  • kognitive Fokussierung

  • gleichmäßige Atemführung


Das Nervensystem reagiert auf Struktur. Wiederholung erzeugt Sicherheit. Das ist physiologisch plausibel. Box Breathing wird häufig im Leistungskontext eingesetzt.Auch im militärischen oder sportlichen Bereich.


Sie eignet sich besonders:


  • bei akuter innerer Unruhe

  • wenn Gedanken kreisen

  • wenn Orientierung fehlt

  • wenn Struktur beruhigend wirkt


Der Atem wird gleichmäßig geführt. Das kann das autonome Nervensystem stabilisieren. Ich mache es manchmal in der Sauna am Ende, wenn es sehr heiß wird.


Aber: Nicht jede Person reagiert gut auf Atempausen. Vor allem Menschen mit Angstneigung empfinden Haltephasen manchmal als unangenehm. Das ist kein Fehler der Methode. Es ist eine Frage der Passung.


Lange Ausatmung – parasympathische Aktivierung

Die lange Ausatmung setzt einen anderen Schwerpunkt. Hier wird die Ausatmung bewusst verlängert. Zum Beispiel: 4 Sekunden ein – 6 oder 8 Sekunden aus. Es gibt keine Haltephase. Der Atem fließt.


Physiologisch ist das gut erklärbar.


Die verlängerte Ausatmung aktiviert den Parasympathikus. Das ist der Teil des Nervensystems, der mit Beruhigung, Regulation und Verdauung verbunden ist. Studien beschreiben moderate Effekte auf:


  • Herzratenvariabilität

  • vagale Aktivität

  • subjektives Stresserleben


Das ist kein Wundermittel. Aber es ist nachvollziehbar wirksam. Die lange Ausatmung eignet sich besonders:


  • bei Anspannung

  • bei innerem Druck

  • bei Schlafproblemen

  • wenn jemand sehr leistungsorientiert atmet


Sie wirkt weniger kontrollierend als Box Breathing. Mehr regulierend.


Wann passt welche Methode?

Die Frage „Welche ist besser?“ führt oft in die falsche Richtung. Sinnvoller ist die Frage: In welcher Situation? Für welche Person?


Box Breathing kann hilfreich sein:


  • bei akutem Stress

  • vor Prüfungen

  • vor Gesprächen

  • wenn klare Struktur entlastet

  • wenn der Kopf sehr aktiv ist


Sie gibt Halt durch Form.


Die lange Ausatmung kann hilfreich sein:


  • bei chronischer Anspannung

  • bei Einschlafproblemen

  • bei Nervosität mit Körperunruhe

  • bei Menschen, die Atempausen als unangenehm erleben


Sie reguliert über Verlängerung. In meiner Arbeit beobachte ich: Box Breathing stabilisiert. Lange Ausatmung reguliert. Beides kann sinnvoll sein. Aber nicht gleichzeitig. Nicht wahllos. Und nicht für jede Person.


Ein häufiges Missverständnis

Manchmal wird Atemarbeit wie ein Werkzeugkasten betrachtet.

Technik A gegen Technik B. Effekt X gegen Effekt Y.

Das greift zu kurz.


Atemtechniken wirken nicht isoliert. Sie wirken im Kontext:


  • körperlicher Zustand

  • psychische Belastung

  • Vorerfahrung

  • Beziehung zum eigenen Körper


Deshalb beginne ich selten mit einer Technik. Sondern mit Beobachtung.

Wie atmet jemand ohnehin? Ist der Atem flach? Unruhig? Kontrolliert Zurückgehalten?


Erst daraus ergibt sich eine sinnvolle Empfehlung.


Wenn du tiefer verstehen willst, wie Atemarbeit grundsätzlich wirkt, passt auch der Überblickstext „Wie wirkt Atemarbeit bei Stress?“.


In einer begleiteten Atemsitzung oder in einem funktionellen Atemtraining wird der Atem zudem beobachtet und eingeordnet. Das unterscheidet sich von einer isolierten Selbstübung.


Kein Wettkampf der Methoden

Es gibt kein „besser“. Es gibt nur stimmiger oder weniger stimmig. Box Breathing ist kein Leistungsbeweis. Lange Ausatmung ist kein Heilversprechen. Beides sind Formen von Selbstregulation. Und Selbstregulation ist kein Projekt. Sie ist ein lebenslanger Prozess.


Manchmal braucht es Struktur. Manchmal braucht es Verlängerung. Manchmal braucht es gar keine Technik, sondern nur Wahrnehmung.


Wenn die Frage auftaucht „Box Breathing oder lange Ausatmung?“dann geht es meist um Sicherheit. Die Sicherheit, das Richtige zu tun.


Ich sehe das anders. Wichtiger ist die Fähigkeit, den eigenen Zustand wahrzunehmen. Die passende Methode ergibt sich mit zunehmender Beschäftigung mit der eigenen Atmung. Atemarbeit ist kein Wettbewerb der Techniken. Sondern ein Rahmen, in dem Regulation möglich wird.


Und manchmal beginnt das nicht mit einer Entscheidung. Sondern mit ein paar bewussten Atemzügen. Wir bewegen rund 22.000 Atemzüge täglich. Wenn wir uns davon 100 bewusst erleben, kann das bereits einen Unterschied machen.

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