Kohärentes Atmen
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Aktualisiert: vor 4 Tagen

Wie dein Atem Herz und Nervensystem reguliert
Es gibt Atemtechniken, die beeindrucken.
Und es gibt Atemtechniken, die leise wirken.
Kohärentes Atmen gehört zur zweiten Art.
Keine Show.
Keine Grenzerfahrung.
Nur Rhythmus.
Mir ist diese Methode vor vielen Jahren begegnet. Und sie hat mich nicht wegen eines spektakulären Effekts überzeugt, sondern wegen ihrer Schlichtheit.
Fünf Sekunden ein.
Fünf Sekunden aus.
Mehr nicht. Und doch beginnt genau dort etwas Wesentliches.
Was bedeutet „kohärent“?
Kohärent heißt: stimmig. Verbunden. In einem geordneten Zusammenhang.
Beim kohärenten Atmen werden Ein- und Ausatmung gleich lang. Der Atem fließt ruhig, meist mit vier bis sechs Atemzügen pro Minute. Kein Ziehen, kein Drücken. Nur Gleichmaß.
Und dieses Gleichmaß verändert etwas im Inneren. Herz und Atem beginnen, sich aufeinander einzustimmen. Es entsteht ein synchrones Muster.

Symbolische Darstellung eines kohärenten Herzrhythmus im Sinne der Herzratenvariabilität (HRV).
Forschungsarbeiten des HeartMath Institute zeigen seit über 30 Jahren, dass sich in diesem Zustand die Herzratenvariabilität (HRV) verbessert.
Die HRV beschreibt die Fähigkeit des Herzens, flexibel auf Anforderungen zu reagieren. Ein gesundes Herz schlägt nicht monoton wie ein Metronom. Es variiert. Es antwortet. Es passt sich an.
Kohärentes Atmen stärkt genau diese Fähigkeit zur Anpassung.
Und damit unsere Fähigkeit zur Selbstregulation.
Wie kohärentes Atmen das Nervensystem beruhigt
Unser autonomes Nervensystem reagiert schneller, als wir denken. Stress, Reize, Erwartungen – all das führt oft zu innerer Beschleunigung.
Doch wenn wir langsam und rhythmisch atmen, senden wir ein anderes Signal.
Wir üben:
Reize nicht sofort mit Tempo zu beantworten
Spannung über die Ausatmung loszulassen
im Körper zu bleiben, statt nach außen zu kippen
Mit der Zeit entsteht ein stabiles Regulationsmuster. Und genau das ist entscheidend: In stressigen Situationen greift nicht eine bewusst angewandte Technik – sondern ein eingeübter Rhythmus.
Deshalb wird Atemtraining in Hochbelastungsberufen gezielt eingesetzt. Niederländische Polizeieinheiten und französische Kampfpiloten trainieren Atemrhythmen, um unter Druck handlungsfähig zu bleiben.
Nicht spektakulär.
Sondern zuverlässig.
Der Körper lernt einen ruhigeren Weg.
Und erinnert sich daran, wenn es darauf ankommt.
Atemfrequenz, CO₂ und innere Balance
Wenn wir fünf Sekunden ein- und fünf Sekunden ausatmen, sinkt unsere Atemfrequenz deutlich. Das hat direkte Auswirkungen auf die CO₂-Regulation im Blut.
Und hier liegt ein oft unterschätzter Schlüssel.
Kohlendioxid ist kein bloßes Abfallprodukt. Es reguliert die Gefäßweite und beeinflusst, wie gut Sauerstoff im Gewebe ankommt. Eine stabile CO₂-Konzentration unterstützt die körperliche Balance.
Langsamer Atem bedeutet:
weniger Überatmung
stabilere CO₂-Werte
effizientere Sauerstoffabgabe
Der ukrainische Arzt Konstantin Buteyko beschrieb diesen Zusammenhang bereits im 20. Jahrhundert. Seine Arbeit zur Reduktion chronischer Überatmung gilt heute als wichtiger Impuls für das Verständnis der Atemphysiologie.
Auch wenn unterschiedliche Schulen verschiedene Schwerpunkte setzen, ist der Zusammenhang zwischen Atemfrequenz, CO₂-Stabilität und vegetativer Regulation wissenschaftlich gut belegt.
Kohärentes Atmen und Asthma – meine Erfahrung
Ich selbst habe über Jahre täglich kohärent geatmet, Ich selbst habe über Jahre täglich kohärent geatmet – und tue es auch heute noch, wenn auch nicht mehr mit derselben Regelmäßigkeit. Mein Asthma wurde stabiler. Meine Stressreaktionen ruhiger. Nicht durch Intensität. Nicht durch ein einmaliges Erlebnis. Sondern durch Wiederholung.
Atemmuster verändern sich nicht durch Druck – sondern durch Übung. Der Körper braucht keine Extreme. Er braucht Verlässlichkeit.
Atemarbeit ersetzt keine medizinische Behandlung, kann sie jedoch ergänzen.
Mehr als Herzgesundheit
Das HeartMath-Institut untersucht inzwischen auch, was geschieht, wenn mehrere Menschen gemeinsam in einen kohärenten Zustand kommen. Die Forschung steht noch am Anfang. Doch sie deutet darauf hin, dass gemeinsame Regulation Verbindung schafft.
Wenn mehrere Nervensysteme sich beruhigen, entsteht Resonanz.
Und hier wird der Atem größer als eine Technik.
Er wird Beziehung.
Eine einfache Praxis für kohärentes Atmen
Wenn du es ausprobieren möchtest:
Setze dich aufrecht hin.
Atme fünf Sekunden durch die Nase ein.
Atme fünf Sekunden ruhig aus.
Bleibe fünf Minuten dabei.
Kein Leistungsdruck. Kein Ziel. Nur Rhythmus.
Vielleicht spürst du, wie dein Herz ruhiger schlägt. Wie dein Brustkorb, dein Bauch, dein Wesen weiter wird. Wie deine Gedanken langsamer ziehen. Vielleicht auch nicht sofort. Regulation ist kein Ereignis. Sie ist ein Prozess. Und manchmal beginnt er mit einem einzigen, gleichmäßigen Atemzug.


