Was ist Breathwork?
- vor 16 Stunden
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Der Begriff „Breathwork“ taucht heute an vielen Stellen auf. In Podcasts, auf Social Media, in Retreat-Beschreibungen oder im Kontext von Stressregulation und Persönlichkeitsentwicklung. Doch was ist Breathwork eigentlich?
Wir atmen im Schnitt etwa 22.000-mal pro Tag ein und aus. Wenn wir erkältet sind oder stressige Phasen – beruflich oder privat – erleben, atmen wir häufiger. Im Urlaub weniger. Der Atem ist der einzige Prozess unseres Menschseins, der unbewusst abläuft und zugleich bewusst steuerbar ist. Während du hier liest, atmest du ein und aus – automatisch. Wenn du willst kannst du jetzt deinen Atem anhalten. Das funktioniert mit unserem Verdauungssystem oder dem Herzen so nicht.
Breathwork bezeichnet die bewusste Arbeit mit dem Atem. Der Begriff stammt aus dem Englischen. Im deutschsprachigen Raum spricht man seit Jahrzehnten von Atemarbeit. Inhaltlich überschneiden sich die Ansätze häufig. Der Name hat sich verändert – die Praxis nicht.
Breathwork ist kein einzelnes Verfahren. Es ist ein Sammelbegriff.
Ein Oberbegriff – viele Ausprägungen
Unter Breathwork werden heute unterschiedliche Formen der Atemarbeit zusammengefasst:
ruhige, regulierende Atemtechniken
Atemmeditationen, wie das Atem zählen oder den Atem beobachten
rhythmische Formen zur Stabilisierung des Nervensystems
funktionelle Atemübungen zur Verbesserung von Atemmustern
intensive Selbsterfahrungsformate zur Bewusstseinserweiterung und in therapeutischen Kontexten
Allen gemeinsam ist: Der Atem wird bewusst wahrgenommen – aufmerksamer als im Alltag – und es entsteht eine Beziehung zu ihm.
Der Atem ist direkt mit dem autonomen Nervensystem verbunden. Über Tempo, Rhythmus und Tiefe verändern sich innere Zustände. Regulation wird erfahrbar. Spannung kann sich lösen. Wahrnehmung wird differenzierter.
Warum erlebt Breathwork gerade einen Aufschwung?
Viele Menschen erleben Daueranspannung. Themen wie Schlaf, Stress und Selbstfürsorge rücken in den Vordergrund. Der Atem ist jederzeit verfügbar – und wirkt unmittelbar auf Herzfrequenz, Muskeltonus und emotionale Reaktionsbereitschaft.
Deshalb wird Breathwork häufig in Zusammenhang gebracht mit:
Stressreduktion
Resilienz
Leistungsfähigkeit
emotionaler Regulation
Gleichzeitig wird der Begriff teilweise stark inszeniert. Breathwork erscheint dann als intensives Erlebnis oder als schneller Weg zur Transformation.
Unser Atem kann uns zu sehr intensiven Zuständen führen. Doch Intensität ist nicht automatisch Integration. Nicht jede Erfahrung führt zu nachhaltiger Veränderung. Und nicht jede Atemtechnik passt zu jeder Person oder Situation.
Breathwork oder Atemarbeit – ist das ein Unterschied?
Sprachlich ja. Inhaltlich oft nicht.
„Atemarbeit“ ist im deutschsprachigen Raum gewachsen. „Breathwork“ ist die international gebräuchliche Bezeichnung.
Entscheidend ist weniger der Begriff als der Rahmen, in dem gearbeitet wird.
Geht es um ein einmaliges Ereignis? Oder um einen Prozess? Geht es um spektakuläre Zustände? Oder um Präsenz im eigenen Rhythmus?
Hier beginnen die Unterschiede.
Was bewirkt Breathwork im Körper?
Der Atem beeinflusst direkt das autonome Nervensystem. Er wirkt auf:
Herzfrequenz und Herzratenvariabilität
CO₂-Toleranz
Muskelspannung
emotionale Reaktionsmuster
Langsame, gleichmäßige Atmung kann stabilisieren und beruhigen. Aktivierende Atemmuster können Energie mobilisieren. Intensivere Formen können emotionale Prozesse öffnen. Die Wirkung langsamer, rhythmischer Atmung auf Herzfrequenzvariabilität und vagale Regulation ist inzwischen gut untersucht und physiologisch nachvollziehbar.
Doch Atemarbeit ist kein Wettbewerb und kein Leistungsprojekt. Sie verlangt Kontext, Differenzierung und bewusste Anwendung.
Was bewirkt Breathwork im Geist?
Neben den körperlichen Effekten zeigen Untersuchungen auch psychologische Veränderungen. Untersucht wurden unter anderem:
wahrgenommener Stress
Angst- und Depressionssymptome
emotionale Regulation
Aufmerksamkeit und kognitive Klarheit
Zusammenfassende Studien zu Ateminterventionen beschreiben messbare, meist moderate Effekte auf Stress, Angstsymptome und depressive Beschwerden – besonders bei regelmäßiger Praxis.
Neurophysiologisch lässt sich vermuten, dass bewusste Atmung:
limbische Aktivität beeinflusst
präfrontale Kontrollmechanismen stärkt
die Verbindung zwischen Körperwahrnehmung und kognitiver Verarbeitung unterstützt
Das bedeutet nicht, dass Breathwork psychotherapeutische Behandlung ersetzt.
Aber es kann ein regulierender Zugang sein, der Denken, Fühlen und körperliche Reaktionen wieder stärker miteinander verbindet.
Auch hier gilt: Atemarbeit wirkt nicht magisch. Sie wirkt über Regulation, Wiederholung und Integration.
Ein differenziertes Verständnis
In einem professionellen Rahmen wird Breathwork nicht primär als Ereignis verstanden, sondern als Prozessraum. Ein Raum, in dem Selbstregulation, Wahrnehmung und Integration möglich werden.
Nicht höher, schneller, weiter. Sondern tiefer im eigenen Rhythmus.
Manche Formen der Atemarbeit dienen der Stabilisierung. Andere öffnen Erfahrungen, die Zeit zur Integration brauchen. Entscheidend ist nicht der Effekt, sondern die Einbettung.
Breathwork ist ein Sammelbegriff für bewusste Atemarbeit in unterschiedlichen Ausprägungen. Ob ruhig oder intensiv, funktionell oder prozessorientiert – der Atem bleibt ein unmittelbarer Zugang zum eigenen Erleben.
Die entscheidende Frage lautet daher weniger:
„Was ist Breathwork?“
Sondern:
In welchem Rahmen findet es statt – und mit welcher Haltung?

