Männerarbeit beim Bremer Männertag
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Foto: Karsten Klama
Manchmal ist der Weg zur Männerarbeit kein bewusster Entschluss, sondern eine langsame Annäherung. So war es zumindest bei mir.
In meinen Zwanzigern habe ich gemerkt, dass es viele Bereiche in meinem Leben gab, die ich nicht verstand – und die mir Angst machten. Gefühle, innere Spannungen, Fragen nach Identität und danach, was es für mich eigentlich heißt, ein Mann zu sein. Wie viele Männer meiner Generation habe ich diese Fragen lange verdrängt.
Damals waren es Alkohol und Marihuana. Heute sehe ich bei vielen jungen Menschen andere Formen der Verdrängung: soziale Medien, Dauer-Scrolling, Gaming. Das Muster ist ähnlich – nur die Mittel haben sich verändert.
Aufgewachsen zwischen Rollenbildern und Sprachlosigkeit
Ich bin 1981 geboren, aufgewachsen in den Neunzigern, in einer klassischen Mittelschichtfamilie. Fernsehen, Rollenbilder, wenig bewusste Auseinandersetzung mit Gefühlen. Mein Vater war da – und gleichzeitig nicht da. Körperlich präsent, emotional kaum greifbar.
Er war kein gewalttätiger Mann. Im Gegenteil: Er hatte selbst Gewalt erlebt und sich bewusst entschieden, diese nicht weiterzugeben. Das hat Kraft gekostet – und führte bei ihm zu einer starken inneren Anspannung, die im Raum immer spürbar war, aber keine Sprache hatte.
Für mich bedeutete das Orientierungslosigkeit. Ein Vater, der funktioniert – aber innerlich verschlossen bleibt. Eine Erfahrung, die viele Männer meiner Generation teilen.
Therapie, Erwachen und die Frage nach dem Mannsein
In meinen späten Zwanzigern begann meine erste intensive Therapiephase. Nicht nur, weil „alles schlimm“ war – sondern weil ich merkte, dass äußere Stabilität keine Garantie für innere Klarheit ist. Und Dinge unter den Teppich zu kehren klärt nichts – egal um wie viel gutes Mindset oder Räucherstäbchen man bemüht ist.
Emotionen sind wie ein Inkassoverfahren. Es wird immer teurer, wenn man es ignoriert. Manchmal muss man bezahlen. — Danger Dan
Diese innere Arbeit hörte nicht auf – sie begann erst richtig. Rückblickend würde ich heute sagen: Meine Bereitschaft, zu bezahlen, und meine erste Therapie waren eine Art zweite Geburt.
Psychologisch gesprochen: Individuation im Sinne C. G. Jungs. Spirituell gesprochen: ein Erwachen in die eigene Verantwortung – und ins Leben selbst.
In dieser Zeit wurde ich Vater, stellte mein Leben neu auf und geriet gleichzeitig in massive Beziehungsspannungen, die schließlich in eine mehrjährige Trennung mündeten.
Eine rohe Phase – und die Begegnung mit Männerarbeit
Diese Trennungszeit war die roheste Phase meines Lebens. Ich war existenziell konfrontiert mit Fragen nach Sexualität, Identität und Männlichkeit. Noch nie zuvor war ich so gezwungen, mich ehrlich zu fragen: Was bedeutet es für mich, ein Mann zu sein?
In dieser Phase begegnete mir eine initiatorische Männerarbeit am Eschwege Institut. Ein intensives Ritual – unter anderem eine Nacht allein im dunklen Wald, wach bleibend im eigenen Kraftkreis bis zum Sonnenaufgang, getragen von mehrtägigen Männerkreisen.
Diese Erfahrung hat mich tief geprägt. Ich entdeckte eine innere Stärke und meine ganz eigene Emotionalität, die mir zuvor kaum zugänglich waren.
Vom Suchen zur Gemeinschaft
Ich wollte diese Erfahrung weitertragen und gründete kurzzeitig eine eigene Männergruppe – merkte aber schnell: Das war (noch) nicht mein Weg. Ich selbst war noch zu sehr im Prozess.
Zur gleichen Zeit hatte ich einen engen Freund, der beim Bremer Männertag aktiv war. Er fragte mich, ob ich Lust hätte, mitzuwirken. Und das passte.
Warum Männerarbeit beim Bremer Männertag für mich stimmig ist
Der Bremer Männertag ist für mich ein besonderes Projekt, weil es nicht um Profit geht, sondern um Begegnung. Um Männer, die sich jenseits von Masken treffen können. Nicht im Leistungsmodus, nicht im Wettbewerb – sondern im ehrlichen Kontakt.
Männerarbeit beim Bremer Männertag bedeutet für mich: kein Dogma, kein Guru, dem man folgen müsste. Sondern Männer, die bereit sind, innere Arbeit zu leisten – um im weitesten Sinne ein guter Mensch zu sein und dem Guten, Wahren und Schönen im Leben nachzugehen.
Heute bin ich Teil des Organisationsteams und begleite diese Form der Männerarbeit seit mehreren Jahren als Workshop-Leiter und in der inhaltlichen Gestaltung.
Was ich heute unter Männlichkeit verstehe
Meine forschenden Jahre sind nicht vorbei – und sie werden es vermutlich nie sein. Aber meine Beziehung zur Männlichkeit ist ruhiger geworden.
Für mich hat Männlichkeit wenig mit medialen Klischees oder aufgesetzter Maskulinität zu tun. Ich erlebe sie eher als einen von zwei Polen menschlicher Energie – vergleichbar mit dem, was asiatische Kulturen als Yin und Yang beschreiben. Es geht weniger darum, etwas darzustellen. Mehr darum, präsent zu sein.
Was wäre ein Mann, wenn er nicht die Welt ein Stückchen besser machen würde? — Königreich der Himmel
Es geht darum, Grenzen zu achten – die eigenen und die der anderen. Und trotzdem in Kontakt und Auseinandersetzung zu bleiben. Aus dieser Haltung heraus menschlich zu leben, zu lieben und Verantwortung zu übernehmen.
Für mich bedeutet Männerarbeit heute ganz konkret, weniger aus Angst zu handeln – und mehr aus Klarheit und innerer Verbundenheit heraus.
Einladung
Ich kann jeden Mann nur ermutigen, sich auf die eigene Suche zu machen. Nicht, um etwas „richtig“ zu machen – sondern um ehrlich zu werden. Denn am Ende verbindet uns oft mehr, als uns trennt.


