Nervensystem regulieren – Warum wir nie ganz entspannt sind
- 4. Mai
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 1. Juli

Kennst du das, eigentlich entspannen zu wollen — und es trotzdem nicht zu können?
Die gute Nachricht: Damit bist du nicht allein, die schlechte Nachricht: Wir müssen diese Fähigkeit trainieren, denn sie ist wie ein Muskel und funktioniert nach dem gleichen Prinzip: Use it, or lose it.
Ich wollte nach meinem Studium kein Lehrer werden.
Stattdessen entschied ich mich für eine Ausbildung zum Heilpraktiker und eine Weiterbildung zum Entspannungstherapeuten. Ich hielt mich damals für entspannt. Andere in Trance führen, ihnen helfen runterzukommen – eine Pause vom ewig plappernden Verstand. Das erschien mir stimmig.
Nach kurzer Zeit im Autogenen Training merkte ich zwei Dinge:
Ich mache das für mich.
Und: Ich bin krass angespannt.
Vielleicht wirkte ich locker. Doch je mehr ich mich wirklich entspannte, desto klarer wurde mir der Unterschied. Und damit auch, wie angespannt ich die ganze Zeit gewesen war.
Die meisten Menschen sind latent angespannt
Heute weiß ich, dass ich damit nicht allein bin. Mensch zu sein heißt angespannt zu sein. Zwei von drei Menschen fühlen sich gestresst (TK-Stressreport, 2026).
Wir alle tragen diese Spannung in uns. Manche nutzen sie. Manche leiden an ihr.
Ein häufiger Treiber ist der Anspruch an sich selbst. Er kann helfen. Ein Studium beendet sich selten von allein. Aber nicht jeder Anspruch ergibt Sinn. Mit seiner Gesichtsform zu hadern zum Beispiel.
Wir sind Teil der Evolution. In uns drängt etwas nach vorn. Ist das Studium geschafft, sind wir kurz zufrieden. Dann kommt die nächste Frage: Was jetzt?
Als Kinder glauben wir, was man uns sagt. Vieles davon bleibt. Manches hilft uns. Manches nicht. So lernen wir, mit Stress umzugehen. Später merken wir: Nicht alles stimmt. Wir sehen nur einen kleinen Ausschnitt. Die Welt ist groß. Wir sind endlich. Und wir haben wenig Kontrolle. Das reicht oft schon. Dein Nervensystem versucht, dich zu schützen — in all der Unsicherheit, die es bedeutet, ein Mensch zu sein.
Nervensystem verstehen – was wirklich dahinter steckt
Unser Nervensystem will vor allem eines: dass wir sicher sind. Es reagiert auf das, was es wahrnimmt. Fühlt sich etwas bedrohlich an, schaltet es hoch. Wir werden wacher. Angespannter. Ist alles ruhig, schaltet es runter. Wir entspannen. Verdauen. Atmen tiefer.
Grob gesagt bewegt es sich zwischen zwei Polen: Aktivierung und Beruhigung. In Stressmomenten kennt es drei Reaktionen: kämpfen, fliehen oder erstarren. Der Neurowissenschaftler Stephen Porges hat das beschrieben — und gezeigt, wie tief diese Mechanismen in uns verankert sind. Nicht als Schwäche. Als Schutz.
So weit, so sinnvoll. Das Problem ist: Heute hört es selten auf. Es gibt immer etwas: Nachrichten, Termine, Erwartungen. Unser System bleibt wach. Auch wenn keine echte Gefahr da ist. Unser Handy fährt nie runter. Wir auch nicht.
Und unser Körper ist dabei kein dekoratives Beiwerk — er trägt alles mit. Wir sitzen im Hamsterrad der Evolution und unserer Erwartungen fest.
Gemeinsam regulieren: Warum Bindung das Nervensystem beruhigt
Wir brauchen andere Menschen. Nicht nur irgendwie, sondern verlässlich.
Das ist keine sentimentale Aussage. Es ist Biologie. Unser Nervensystem reguliert sich in Beziehung zu anderen — es hat das nie allein gelernt. Als Säuglinge haben wir uns durch den Blick, die Stimme, die Wärme einer anderen Person beruhigt. Diesen Mechanismus tragen wir ein Leben lang in uns.
Gute Beziehungen tun uns deshalb so gut. Mehr, als viele denken. Eine ruhige Präsenz neben uns kann manchmal das tun, was keine Atemtechnik schafft.
Wie wir Nähe erleben, lernen wir früh. In unseren ersten Beziehungen entsteht ein Muster. Wie nah wir uns trauen. Wie wir mit Konflikten umgehen. Und wie gut wir uns beruhigen können — allein und mit anderen.
Was wir lernen können
Aber, als Menschen stehen wir ständig zwischen zwei Polen: Wir wollen verbunden sein, denn bestenfalls tut uns das gut, beruhigt uns. Und wir wollen wir selbst sein. Beides gleichzeitig zu leben, ist nicht einfach.
Drei Dinge, die dabei wirklich helfen:
Wahrnehmen, bevor du veränderst. Merke, wie angespannt du gerade bist. Nicht bewerten. Nur spüren. Als Anerkennung deines Zustandes. Schon das verändert etwas im Nervensystem.
Den Atem nutzen — wirklich. Nicht als Trick, sondern als direkte Sprache an dein System. Vielleicht tief einatmen, mal wieder richtig seufzen oder eine längere Ausatmung als Einatmung. Kontakt aufnehmen. Mehr braucht es oft nicht.
Verbindung suchen. Manchmal mit dir selbst, dir Zeit geben. Allein sein. Dann wieder eine Tasse Tee mit jemandem, dem du vertraust. Kein Problem lösen. Einfach da sein.
Wir können lernen, uns zu beruhigen. Unser Nervensystem zu regulieren — in der psychotherapeutischen Begleitung, in der Atemarbeit, im Alltag. Aber nicht vollständig.
Am Ende geht es nicht um die richtige Technik. Ein Teil von Spannung bleibt. Einfach weil wir Menschen sind. Wir sitzen damit alle im gleichen Boot und kommen da auch nicht raus. Vielleicht geht es nicht darum, vollkommen entspannt und sicher zu sein. Vielleicht geht es darum, damit bewusster umzugehen.


