Flugangst und Atmung: Was mir im Flieger wirklich hilft

Du sitzt im Flugzeug und schwebst dahin. Kannst nichts tun. Bist im wahrsten Sinne ohnmächtig. Was du tun kannst: dein Bewusstsein beobachten. Und atmen. Dem Rest bist du komplett ausgeliefert.
Funktionieren die Maschinen? Haben die Pilot*innen genug geschlafen? Ist irgendein verrückter oder lebensmüder Mensch mit an Bord? Was ist mit den Fluglots*innen, haben sie alles im Blick? Und die anderen Flugzeuge am Himmel?
Die Dinge, die wir beim Fliegen nicht im Griff haben, sind unzählig. Kontrolle: null.
Ich sitze gerade im Flieger nach London. Und ich habe Flugangst, seit etlichen Jahren schon. Was ich dagegen tue? Ich habe angstlösende Mittel dabei, als Backup. Und ich atme. Fünf Sekunden ein, fünf Sekunden aus.
Das Backup gehört für mich dazu. Ich muss da oben kein Held sein. Ich muss nur ankommen.
Jetzt dürfen wir uns abschnallen. Das bedeutet für mich: Wir haben eine Flughöhe erreicht, aus der wir ganz gut notlanden könnten, sollte etwas passieren. Ein bisschen beruhigend, findest du nicht?
Ich schon.
Und dann fällt mir Aaron Antonovsky ein. Der Medizinsoziologe hat nicht gefragt, was uns krank macht, sondern was uns gesund hält. Seine Antwort heißt Salutogenese. Einfach erklärt: Drei Bedingungen helfen uns, gesund zu bleiben und schwierige Situationen entspannter zu meistern. Verstehst du, was da vor sich geht? Ist es machbar? Und ergibt es für dich einen Sinn?
Verstehbarkeit, Handhabbarkeit, Sinnhaftigkeit. Zusammen ergeben sie das, was Antonovsky Kohärenzgefühl nennt: eine Art Grundvertrauen ins Leben. Ich kenne das Modell aus meiner Arbeit, als Lehrer wie in der Praxis. Hier oben merke ich, dass es auch für mich gilt. Also habe ich meinen Flug einmal durch alle drei geschickt.
Verstehbarkeit: Ein Flugzeug ist ein Ofen, nur komplexer
In einem Flugzeug wird nicht gezaubert. Es ist eine Maschine. Wie der Ofen bei dir zu Hause, nur etwas komplexer.
Dem Ofen vertraust du. Dem Flugzeug weniger. Obwohl diese Maschine so akribisch gewartet wird wie kein Ofen auf dieser Welt. Pilot*innen unterziehen sich regelmäßig gründlichen Gesundheitschecks.
Und wenn eine Maschine so weit oben ist, dass du dich abschnallen darfst, kann sie nicht einfach vom Himmel fallen. Sie gleitet. Innerhalb Europas kann sie mehrere Flughäfen zum Notlanden ansteuern, selbst wenn beide Turbinen ausfallen.
Mein Kopf weiß das. Mein Bauch glaubt es nicht sofort. Die Angst krabbelt trotzdem hoch, beim Start, beim ersten Ruckeln, bei jedem Geräusch, das ich nicht einordnen kann.
Das Wissen ist also kein Zauberspruch gegen die Angst. Aber dieses Verstehen hilft mir, meiner Flugangst ein wenig zu begegnen.
Und es gibt ein zweites Verstehen, das nicht die Maschine meint, sondern mich. Woher kommt diese Angst? Was macht mein Körper, bevor mein Kopf überhaupt etwas merkt? Das habe ich nicht allein herausgefunden, sondern im Gespräch. Auch das ist Verstehbarkeit, nur nach innen.

Handhabbarkeit: Atmung bei Flugangst, und sonst Pause
Machbarkeit hinkt im Flieger. Was willst du machen? Akzeptieren. „Let them", wie Mel Robbins das nennt: die anderen ihren Job machen lassen. Die Pilot*innen fliegen, die Lots*innen lotsen.
Die Fragen vom Anfang? Kann ich nicht beantworten. Muss ich auch nicht. Dafür gibt es Menschen, die das jeden Tag tun, dafür ausgebildet und regelmäßig geprüft.
Und du atmest. Oder schläfst, chillst, hast deinen Spaß mit Katzenvideos. Oder du schaust endlich den Film, den du immer schon mal sehen wolltest.
Es gibt nichts zu tun. Es gibt wenig zu regeln, außer du willst und kannst es.
Du hast Pause.
Atemübung bei Flugangst: die 5-5-Atmung
Bei mir hängen Angst und Atem eng zusammen. Wenn die Angst kommt, wird mein Atem flach und schnell. Die 5-5-Atmung bremst das ein Stück.
Fachlich heißt sie kohärentes Atmen: Ein- und Ausatmung sind gleich lang, etwa fünf Sekunden ein, fünf Sekunden aus. Das ergibt rund sechs Atemzüge pro Minute, deutlich langsamer als unser Alltagsatem.
So kannst du es ausprobieren:
Setz dich aufrecht hin, die Füße am Boden.
Atme durch die Nase fünf Sekunden ein, ohne zu ziehen.
Atme fünf Sekunden ruhig aus, ohne zu drücken.
Bleib ein paar Minuten dabei. Sind fünf Sekunden zu lang, fang mit vier an.
Wenn dir Zählen hilft, zähl mit. Wenn nicht, folge einfach dem Gefühl von „gleich lang".
Das geht im Flugzeug, im Klassenraum vor der schwierigen Stunde oder im Meeting, bevor du das Wort ergreifst. Niemand merkt es. Wird dir schwindelig, atme einfach wieder normal weiter.
Die Angst atme ich damit nicht weg. Aber ich habe etwas in der Hand, das mir gehört. Wer tiefer einsteigen will: Mehr zur Methode steht in meinem Artikel über kohärentes Atmen.
Kohärenz übrigens. Dass die Atemübung so heißt wie Antonovskys Kohärenzgefühl, ist Zufall. Ich mag ihn trotzdem.
Sinnhaftigkeit: Ein Staubkorn über den Wolken
Bleibt die dritte Säule, für Antonovsky die wichtigste. Er meint damit: Ist es das wert, mich auf diese Situation einzulassen? Verstehen und Können tragen nicht lange, wenn der Sinn fehlt.
Es gibt einen Teil in mir, der liebt das Fliegen. Das erscheint paradox. Ist es ja auch.
Da oben werden Probleme kleiner. Ich werde bedeutungsloser. Ich bin ausgeliefert und erlebe ein wenig von dem, was Astronaut*innen von ihrer Zeit auf der ISS berichten: Ich bin drin, abhängig, ein Staubkorn. Bedeutungslos am Leben. Einer von acht Milliarden.
Unter mir liegen Städte, in denen gerade jemand Kaffee kocht, sich streitet, sich verliebt. Und ich sitze hier oben und bin für nichts davon zuständig.
Und genau darin liegt für mich der Sinn. Ich muss da oben nichts leisten, nichts beweisen, nichts kontrollieren. Das Kleinwerden nimmt Druck raus.
Und dann ist da noch etwas, ganz unphilosophisch: Ich fliege wieder. London gerade, New York im Frühjahr. Lange habe ich mir das Reisen im Kopf so zurechtgelegt, dass es ohne ging. Heute muss ich mir nichts mehr zurechtlegen. Ich kann es ändern. Ich kann reisen. Das ist Lebensqualität, keine Theorie.
Das hat Atemarbeit für mich getan: nicht die Angst weggezaubert, sondern den Radius vergrößert. Wenn du mit deiner Flugangst oder einer anderen Angst nicht allein sitzen willst, begleite ich dich gern. In der Praxis auf den Häfen, mit Atem, Verstehen und einem Menschen daneben.
Nicht wir müssen in spektakulären Konzepten leben. Das Leben selbst ist spektakulär, solange wir es schaffen, uns ihm zu öffnen.


