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Warum ich heute lieber atme als kiffe

18. Juni
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 7. Sept.

Eine ehrliche Geschichte über veränderte Bewusstseinszustände, den Preis von Substanzen und das, was Atemarbeit anders macht.


Ich war 18. In den Niederlanden, auf einem Zeltplatz zwischen Dünen und Pommesbude. Zum ersten Mal Pilze. Wir saßen im Auto, weil es draußen regnete. In mir geschah etwas, das mich bis heute begleitet: Ich lachte, ich weinte, ich war in Ehrfurcht – alles innerhalb weniger Minuten, in Wellen, in Schichten. Und dazwischen, wie ein ruhiger Beobachter, war jemand, der das einfach nur ansah. Angstfrei. Neugierig. Klar.


In diesem Auto begriff ich zum ersten Mal körperlich, was ich später in vielen Büchern las: Wir sind nicht unsere Emotionen. Wir haben sie. Sie ziehen durch uns hindurch wie Wetter durch eine Landschaft.


Damals fühlte ich mich wie ein Mangelwesen. Cool nach außen, innerlich zerrissen. Zu wenig wert, zu wenig schön, zu wenig richtig. Die Pilze öffneten mir für ein paar Stunden eine andere Tür. Nichts wurde geheilt, nichts weggemacht. Nur eine andere Tür wurde gezeigt.


Wo die Rechnung kippt


Marihuana wurde dann meine Hauptsubstanz. Ich erinnere mich genau an den Tag, an dem ich vom Wochenend-Kiffer zum Selbstmedikator wurde. Großer Liebeskummer. Benterberg bei Hannover. Ein Montag. Meine eigene goldene Regel – nur am Wochenende – brach ich bewusst. Niemand konnte mir helfen. Also machte ich es selbst.


Marihuana trägt eine Information. Eine Frequenz. Sie sagt: „Entspann dich. Alles ist gut." Diese Botschaft konnte ich von meinen Eltern in dieser Form nie empfangen. Sie waren liebevoll, aber chronisch angespannt. Diese leise, dauerhafte Grundvibration fühlte sich an, als würde im Hintergrund immer eine Tür klemmen. Irgendetwas war nicht in Ordnung. Gras rauchen gab mir, was ich von außen nicht bekam und innerlich noch nicht entwickelt hatte.


Der Preis war hoch. Höher, als ich es verstand, solange ich drin war.


Wer jeden Tag kifft, muss bestimmte Entwicklungsschritte nicht gehen. Wer täglich kifft, wird weich an Stellen, an denen das Leben Festigkeit verlangt. Ein Freund formulierte es so:


Marihuana führt dazu, dass du dein Königreich nie aufbaust. Kokain führt dazu, dass du es kaputt machst.

Mein Königreich blieb lange auf Papier. Skizziert, geplant, gefühlt – aber nicht gebaut.


Was Substanzen können


Bevor das hier wie ein Anti-Drogen-Pamphlet klingt: Ich bin kein Substanzgegner. Wir verändern unser Bewusstsein den ganzen Tag. Musik. Koffein. Ein gutes Gespräch. Ein Konzert, das die Hallenluft und uns zum Vibrieren bringt. Ein langer Spaziergang am Wasser. Bewusstsein zu verändern ist menschlich. Wir tun nichts anderes, von früh bis spät.


Substanzen können viel. Sie führen ohne Umwege in andere Welten. Sie öffnen Türen für andere Arten der Selbstwahrnehmung. MDMA kann den ängstlichen Verstand umgehen und Menschen zurück auf die Herzensebene bringen. Echter Kontakt, oft zum ersten Mal seit Jahrzehnten. Pilze in einem guten Setting können Perspektiven zeigen, die kein Coach und kein Buch je hervorlocken könnte.


Das ist wertvoll und verdient Anerkennung, nicht Dogma.


Und gleichzeitig: Du bist fünf Stunden auf Sendung. Ohne Dosierregler. Was kommt, kommt. Wenn die Büchse der Pandora aufgeht, geht sie auf – ob du gerade Kapazität dafür hast oder nicht. Mit einem guten Begleiter kann das möglicherweise eine Erfahrung sein, die Heilung anstoßen kann. Ohne Begleitung ist es ein Glücksspiel mit dem eigenen Nervensystem.


Was Atmen anders macht


Weggabelung im Wald als Symbol für persönliche Entwicklung, Veränderung und neue Lebenswege.

Bei mir gab es keinen großen Aha-Moment. Es waren mehrere Momente. Längeres, tieferes Atmen – QLB, Wim Hof, verbundenes Atmen, kontrolliertes Hyperventilieren – und plötzlich war da etwas, das ich von Substanzen kannte. Eine andere Frequenz. Ein anderer Raum. Mit dem entscheidenden Unterschied: Du bist die ganze Zeit am Steuer.


Das ist nicht nichts. Das ist der ganze Punkt.


Atemarbeit nimmt dir nichts weg und sie schiebt dir nichts rein. Der Atem ist kein neues Werkzeug. Menschen nutzen ihn seit Jahrtausenden, um Bewusstseinszustände zu verschieben, zu klären und zu weiten. Er öffnet eine Tür, die du selbst öffnest und selbst wieder schließt. Du näherst dich der Büchse der Pandora schrittweise. Sie wird in der Regel nicht plötzlich aufgerissen. Dein Unterbewusstsein ist intelligent – es gibt nur das frei, was du in diesem Moment verarbeiten kannst.


Jeder Atemzug, der wirklich ankommt, nimmt etwas aus deinem Rucksack. Manchmal nur ein Kiesel. Manchmal ein Brocken, den du jahrelang mit dir geschleppt hast.


Was substanzlos heute heißt


Im Herbst 2011 habe ich aufgehört. Marihuana, alle Substanzen, längere Zeit auch kein Alkohol. Nikotin kam später. Koffein liebe ich noch – mit etwas Disziplin. Montags bis freitags morgens kein Kaffee. Mein Körper darf zwei Stunden allein wach werden. Mal ein Bier, mal ein Whisky. Das war's.


Substanzlos bedeutet für mich nicht dogmatische Abstinenz. Es heißt: alles können, weitgehend davon frei sein. Marihuana habe ich seit 2011 nicht mehr angefasst. Aus Respekt vor meinem eigenen Suchtverhalten. Manchmal kommt eine Lust – und ich weiß, dass diese Lust ein Hinweis ist. Eine Möglichkeit von vielen, mein Bewusstsein zu verändern. Nicht mehr und nicht weniger.


Ein Gedanke aus der Bhagavad-Gita, frei übersetzt, passt gut dazu:


Freiheit bedeutet nicht, tun und lassen zu können, was man will. Sie beginnt dort, wo die Sucht nach dem nächsten Konsumgut, die emotionale Abhängigkeit von Menschen und das Verlangen nach Betäubung nicht mehr so stark über uns bestimmen. Frei bist du, wenn nichts und niemand mehr Macht über deinen inneren Frieden hat.

Und falls das jetzt zu erleuchtet klingt: keine Sorge. Ich bin noch nicht Buddha.


Ich bewege mich eher in Richtung dieser alten Klostergeschichte, in der ein Schüler sich über seine Lehrer aufregt, weil sie im Restaurant Fleisch essen und Wein trinken. „Was ist mit euch los? Ihr lebt doch nach der Lehre Buddhas!“ Der alte Mönch schaut ihn freundlich an und sagt nur: „Noch nicht Buddha.“


Genau das trifft es. Nicht dogmatisch rein. Nicht vollkommen frei. Aber freier als früher.


Wenn jemand in meiner Praxis von Pilzen erzählt, von MDMA, von einer Ayahuasca-Reise – dann begegnet die Person bei mir keiner Predigt. Ich glaube an Selbstbestimmung. Substanzen in einem guten Setting können zur Gesundheit beitragen, das steht für mich außer Frage. Und chronischer Konsum jeder Substanz ist schwierig, das auch. Beides ist wahr.


Wir stehen am Anfang einer Kultur, die mit diesen Werkzeugen klug umgehen lernt. Wir haben uns durch Prohibition, wirtschaftliche Interessen und kulturelle Verdammung um Jahrzehnte Lernzeit gebracht.


Warum ich heute am liebsten atme


Weil ich das, wofür ich früher Substanzen gebraucht habe, im Atem wiederfinde – nur ohne den Preis. Ohne Kater. Ohne das Loch am nächsten Tag. Ohne die Frage, ob mir der Trip diesmal gewogen ist. Ohne die schleichende Auslagerung wichtiger Entwicklungsschritte.


Du zahlst keinen Preis außer der Zeit, die du investierst, und dem Geld, wenn du es bei einem guten Therapeuten lernst.


Dafür baust du Stück für Stück etwas auf, das dir niemand mehr nehmen kann: einen Zugang zu dir selbst, der nicht von außen geliehen ist. Eine Hand am Steuer. Ein Königreich, das wirklich gebaut wird.


Die Reise zu mir selbst war lang und herausfordernd. Ich habe viele Wege ausprobiert. Doch der Atem ist der Schlüssel, der mir die Freiheit gibt, die ich suche. Er ermöglicht mir, in Kontakt mit mir selbst zu treten, ohne die Abhängigkeit von äußeren Substanzen. Wie sieht dein Weg aus?

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