Selbstregulation statt Selbstoptimierung

Selbstregulation statt Selbstoptimierung — warum das Programm nicht trägt.
Selbstregulation klingt nach einer weiteren Technik. Nach etwas, das man lernt, übt, verbessert. Das stimmt auch — ein Stück weit.
Wir bringen schon als Säuglinge erstaunlich viel davon mit, und wir können es ein Leben lang weiter lernen: uns selbst beruhigen.
Aber das Meiste davon passiert nicht in Übungen. Es passiert in der Konfrontation mit dem Leben — in dem ständigen Austarieren zwischen dem Drang nach Autonomie und dem nach Bindung, und in dem Mut, sich den eigenen Ängsten zu stellen und dann tatsächlich anders zu handeln. Anderen gegenüber. Und sich selbst.
Ich zeichne das Wort hier ein wenig anders. Weniger als „noch ein Werkzeug". Mehr als Rückkehr zu einer Fähigkeit, die wir Stück für Stück verlernt haben — zugunsten fremdbestimmter Zustimmung und der Abhängigkeit, die daraus folgt.
Das beginnt früh. Ein Kind soll der Tante zur Begrüßung einen Kuss geben. Es will nicht — der Körper sagt das ziemlich deutlich. Es tut es trotzdem, weil im Raum etwas weicher wird, sobald es das tut.
In der Schule geht es weiter. Ein Kind sitzt neben jemandem, neben dem es nicht sitzen will, und setzt sich irgendwann trotzdem hin. Nicht, weil sich etwas geklärt hätte, sondern damit die Lehrerin sieht: Ich kann das. Ich bin fähig.
Und später sitzen wir in einer Partnerschaft am Tisch, merken, dass uns etwas nicht passt — und sagen es nicht. Weil das Gesicht gegenüber sich sonst verschließt. Weil Zustimmung wärmer ist als Klarheit.
Kleine Momente. Jeder für sich harmlos, manche systembedingt. Und in jedem tauschen wir dasselbe: das eigene Signal gegen eine fremde Bestätigung.
David Schnarch nennt das ein gespiegeltes Selbst — eines, das seine Kontur daraus bezieht, wie andere auf uns schauen. Damit fängt jeder an. Das ist kein Fehler, das ist der Anfang. Die Frage ist nur, ob wir dort bleiben. Denn je öfter wir tauschen, desto leiser wird das eigene Signal.
Ich erzähle das aus einer Zeit, in der ich genau diesen Tausch perfektioniert habe.
Ein Selbst, das ich nicht sein wollte
Vor vielen Jahren habe ich mit Therapie begonnen. Ich war in dem Alter, in dem man langsam ahnt, dass die eigene Kindheit einen mehr geprägt hat, als man wahrhaben möchte, und weniger, als man befürchtet. Ich fing an, viel über mich zu lernen. Ich las, sprach, weinte, hatte Einsichten. Und irgendwann — ich weiß nicht mehr genau, wann — habe ich diese Selbsterforschung unbewusst in ein Selbstoptimierungs-Programm überführt.
Ich wollte alles wissen. Jedes Muster erkennen. Kein Gespräch mehr oberflächlich führen. Meinem Sohn all das ersparen, was ich selbst erlebt hatte. Einen Beruf ergreifen, der Geld einbringt — den Lehrerberuf — obwohl ich ihn eigentlich nicht wollte. Verantwortung für Familie übernehmen, klaren Werten folgen.
Und, das Fatale: in all dem gut sein.
Ich habe, ohne dass es mir damals so klar war, ein Selbst optimiert, das ich gar nicht in Gänze sein wollte.
Das ist eine merkwürdige Sache. Man optimiert nicht in einen bekannten Zielzustand. Man optimiert in eine Idee davon, wer man sein sollte. Und diese Idee ist meistens nicht ganz die eigene — sie ist eine Mischung aus Erwartungen, gutgemeinten Ratschlägen, Büchern und einer stillen Sehnsucht, endlich richtig zu sein, endlich anzukommen.
Nach einer Weile lebt man in dieser Idee.
Und übersieht, dass sie nicht bewohnbar ist.
Der Höhenflug
Was ich in diesen Jahren erlebt habe, war das, was ich heute rückblickend einen Höhenflug meiner Ich-Bezogenheit nennen würde.
Ein Zustand von großer innerer Sauberkeit, viel Sprache, viel vermeintlicher Klarheit — und einer immer feineren Kluft zwischen dem, was ich über mich sagte, und dem, was ich mit den Menschen um mich herum tatsächlich erlebte.
Ein Höhenflug ist verführerisch. Ich war extrem gut in dem, was ich tat. Schloss mein Referendariat mit 1,2 ab. Der Höhenflug fühlt sich an wie Klarheit. Wie Verbindung. Wie Wachstum. Und er ist doch, wenn man ehrlich hinsieht, das Gegenteil davon. Er hält uns weit über der eigenen Erfahrung, statt in ihr verankert.
Er ist eine besonders schmeichelhafte Form von Nicht-Selbst-Kontakt und viel Fremdbestätigung.
Der Knall
Ich möchte nicht zu sehr in Szene setzen, was am Ende dieses Höhenflugs stand. Es reicht zu sagen, dass es in meinem Fall kein leises Verabschieden daraus war. Es war ein gewaltiger Knall. Vieles entglitt mir. Vieles wurde problematisch, zerbrach. Es war schmerzhaft, ungeplant, und in seiner Wucht nicht zu bearbeiten.
Ich hätte in dieser Zeit gern eine nächste Selbstoptimierungs-Anleitung gehabt. Wie heile ich meinen puren Schmerz in fünf Schritten. Aber Anleitungen helfen selten, wenn genau das zerbricht, was einem sonst sagt, wie eine Anleitung auszusehen hat.
Nach dem Schmerz kam eine Ernüchterung.
Und diese Ernüchterung war leichter.
Sie war auch ängstlicher — weil die Sicherheitsnetze, die weggefallen sind, sich als etwas erwiesen haben, was sie eigentlich nie waren. Sie waren keine Netze. Sie waren nur Ideen davon, wie es mich fangen sollte, wenn ich fiel.
Was übrig blieb, war wieder nur ich. Nüchtern, ein wenig zerknittert, aber näher an mir als vorher.
Das Sich-wieder-Erlauben

Aus dieser Zeit stammen ein paar Bilder, die mir bis heute geblieben sind.
Ausgedehnter Mittagsschlaf, weit über den 20-Minuten-Powernap hinaus. Abende in Kneipen, in denen ich rauchen und an der Bar sitzen und langsame Gespräche führen konnte. Danger Dan hat ein Lied über genau diese Augenblicke geschrieben — die, die man völlig sinnlos an einem Tresen verbringt und in denen sich die Schönheit des Lebens in den Augen des Gegenübers spiegelt, grundlos und pur. Wieder Fleisch essen, weil mein Körper es wollte. Meine eigenen Entscheidungen treffen — nicht die, die zu meinem Konzept meiner selbst gepasst hätten, sondern die, die zu mir passten.
Das ist keine schöne, saubere Selbstregulations-Praxis. Sie taucht in keinem Handbuch auf. Sie sieht auf keinem Insta-Bild gut aus. Aber sie war ein Anfang.
Den Unterschied zu verstehen — zwischen mich austricksen und mich regulieren — begann für mich, wie für viele andere, nicht mit einer neuen Übung, sondern mit einem Annehmen. Mich ernsthaft um meine Probleme kümmern. Und mehr von Trugbildern loslassen.
Ich habe versucht, mich weniger mit dem Programm zu identifizieren. Ich habe aufgehört, der Pseudo-Heilige zu sein. Ich habe es sein gelassen, immer „lieb und nett und bedächtig und verständnisvoll" zu sein, wenn es sich nicht so anfühlte. Und in der Lücke, die das Aufhören ließ, wird langsam fester Boden sichtbar.
Was Selbstoptimierung eigentlich tut
Ich glaube, wir unterschätzen, wie geschickt Selbstoptimierung ist. Sie schmeckt süß. Und wie Honig klebt sie an den Fingern — je mehr man davon nimmt, desto schwerer wird man sie los.
Gerade heute, wo wir uns chronisch selbst ausbeuten und lernen, jeden Anteil von uns zu monetarisieren. Und sei die Einnahme nur Anerkennung — von uns selbst für ein Trugbild, oder von anderen, die den Teil hätscheln, der glänzt.
Sie ist auf jeden Fall ein sehr eleganter Trick unseres Gehirns, um mit den tiefsten Abgründen und existenziellen Ängsten in uns nicht in Kontakt zu kommen. Sie richtet ganze Programme, Aufmerksamkeitswellen und Selbstbilder darauf aus, uns von dem wegzuführen, was in uns unklar, verletzlich oder böse ist. Und sie tut das mit so viel Anschein von Selbstliebe und Selbstsorge, dass wir es lange nicht bemerken.
Was optimieren wir eigentlich?
Diese Frage lohnt sich, wenn wir hineinschauen wollen. Bei mir war die Antwort damals: ein Selbst, das ich nicht bin. Ein sehr sauberes, sehr korrektes, sehr belesenes Selbst, dessen Kontur nur deshalb überhaupt schien, weil ich es mit einem Programm umschlossen hatte.
Selbstregulation beginnt an dem Punkt, an dem ich das bemerke.
Fuck, ich gerate im wahrsten Sinne aus dem Häuschen, wenn mir jemand nicht die Zuneigung und Bestätigung gibt, die ich zu brauchen glaube — und ich verkaufe mir das als „Ich habe ein Recht auf die Erfüllung meiner Bedürfnisse" oder als „respektvollen Umgang".
Das zu bemerken — nicht, um mich zu beschämen. Sondern um wieder zu spüren, was ich unter dem Programm gelassen habe. Und um zu lernen, mich im Angesicht eines Gegenübers, einer Welt, die mich nicht bestätigt, an mir festzuhalten und mich zu beruhigen.
In der Praxis
Menschen kommen oft, weil sie viel gearbeitet haben an sich, und trotzdem nicht angekommen sind. Sie haben Werkzeuge. Sie haben Sprache. Und sie stehen an einer Wand, die sich mit Werkzeug nicht durchbrechen lässt.
Diese Wand ist meistens ihre eigene Ablehnung ihrer ungeliebten und bösen Anteile.
Nicht Diagnosen. Anteile. Wut, Neid, Weigerung, Rachegedanken. Manchmal auch: die stille Wut darüber, dass Schattenarbeit sie mehr Kraft gekostet hat, als sie zugeben wollten. Und der leise Zwang, dass andere in ihrer Nähe genauso arbeiten sollten, damit sie sich weniger allein damit fühlen.
Wenn wir unsere böse Seite, unsere Abgründe nicht lernen zu akzeptieren, wird das alles nichts.
Was ich in solchen Momenten manchmal sage, ist ein Satz, der wenig therapeutisch klingt und dafür viel klarer ist:
Du bist niemandem etwas schuldig. Niemand hat dich gefragt, ob du hier landen willst.
Der Satz nimmt in einem Moment eine Verpflichtung weg, die viele nicht mal bemerkt haben. Er sagt: Du bist da. Das ist alles. Nicht mehr. Und aus dieser Basis kann etwas beginnen, das nicht Konzept, Müssen oder Optimierung ist.
Ohne Programm
Selbstregulation ist für mich heute keine Technik. Es ist eine Haltung, die sich einstellt, wenn ich beginne aufzuhören, mich selbst als Projekt zu behandeln. Sie sieht ganz banal aus. Riecht vielleicht nach Küche, Kneipe und Bett am frühen Nachmittag.
Und sie erlaubt, was Selbstoptimierung mir nie hat erlauben können: mich mit mir und mit anderen zu verbinden, ohne dass diese Verbindung ein Ergebnis meiner Bemühungen wäre.
Und nach und nach den Druck rauszunehmen — mir gegenüber und anderen.
Nichts davon sieht nach Fortschritt aus. Nichts davon fühlt sich immer gut oder schön an. Aber es fühlt sich lebendiger an.
Genau daran erkenne ich es.


