top of page

Was passiert eigentlich in einer Atemsitzung? Ein Blick hinter die Tür meiner Praxis.

  • vor 3 Tagen
  • 6 Min. Lesezeit
Person liegt auf einer Matte in einem ruhigen Praxisraum während einer Atemsitzung

Von der ersten Frage über das aktive Atmen bis zur Integration — warum eine gute Begleitung den Unterschied macht.


Kennst du das? Du hast irgendwo etwas von „Breathwork" gehört. Auf Instagram, von einer Freundin mit leuchtenden Augen nach einem Workshop, oder weil eine Kakao-Zeremonie damit eingeleitet wurde. Und irgendwo in dir entsteht diese Frage: Was ist das eigentlich — und was würde mit mir passieren, wenn ich das mal richtig machen würde?


(Wenn du Breathwork zuerst grundsätzlich verstehen willst, lies: Was ist Breathwork? Hier geht es konkreter darum, was in einer einzelnen Sitzung passiert.)


Atmen kann doch jeder.


Stimmt. Solange wir leben, atmen wir. Und genau deshalb unterschätzen wir es so gewaltig. Wir tragen eines der unmittelbarsten Werkzeuge für Körper, Nervensystem und Bewusstsein die ganze Zeit mit uns herum — und behandeln es wie Hintergrundrauschen.


Atmen läuft halt.


Bis es das nicht mehr tut. Bis der Brustkorb eng wird. Bis Stress nicht mehr weggeht. Bis irgendwo im Körper etwas anklopft und sagt: Hier ist noch etwas. Hör mal kurz hin.


Der Atem ist kein Partytrick. Und kein spirituelles Spektakel, das möglichst krass sein muss, damit es etwas wert ist.


Der Atem ist eher eine Tür. Und wie bei jeder Tür ist die Frage: Wer öffnet sie? In welchem Raum? Und wer bleibt da, wenn dahinter etwas auftaucht?


Atemarbeit taucht inzwischen überall auf — als Vorgeplänkel, als Biohack, als Gruppenritual. Das ist schön, weil der Atem mehr Aufmerksamkeit bekommt. Und manchmal auch fragwürdig: Beim tieferen Atmen können echte Körperzustände und Emotionen auftauchen. Der Körper ist kein dekoratives Beiwerk unserer Persönlichkeitsentwicklung. Er ist der Ort, an dem wir unser Leben gespeichert haben. Und das braucht Begleitung.


Deshalb möchte ich dir beschreiben, was passiert, wenn du in meine Praxis kommst und wir gemeinsam eine Atemsitzung machen. Nicht, weil mein Weg der einzige ist — sondern weil Klarheit eine ziemlich gute Voraussetzung dafür ist, sich auf einen Prozess einzulassen.


Drei Wege, die zu mir führen


Es gibt grob drei Gründe, aus denen Menschen eine Atemsitzung buchen — und alle drei sind legitim.


Die einen sind schlicht neugierig. Sie haben gehört, dass „da was ist", spüren, dass in ihnen gerade etwas in Bewegung ist, und wollen es ausprobieren. Reicht völlig.


Die zweiten haben schon viel ausprobiert. Therapie, Meditation, Yoga, Retreats, fünf Tage Schweigen im Kloster. Irgendwann kommt der Punkt, an dem das Bisherige nicht mehr greift. Manchmal ist der ehrlichste Satz dann: Mein Kopf hat verstanden. Mein Körper noch nicht.


Die dritten kommen mit einem klaren Thema. Eine Beziehung. Eine alte Wut. Ein Muster, das sich wiederholt. Oder eine Sehnsucht, die keine schöne Idee mehr bleiben will, sondern im Leben ankommen möchte.

Für alle drei Wege ist eine Atemsitzung ein möglicher Ort.


Wie ich in einer Atemsitzung arbeite


Meine Art zu begleiten habe ich bei meinen Ausbildern Regina und Randolf Pleske gelernt — verwandt mit dem, was viele unter holotropem Atmen (Stanislav Grof) oder Rebirthing (Leonard Orr) kennen. Für mich ist weniger der Name entscheidend — sondern der Rahmen.


Eine Sitzung dauert in der Regel etwa zwei Stunden. Vier Phasen.


Und bevor ich irgendetwas erkläre, das Wichtigste:


Ich sitze die ganze Zeit bei dir.


Nicht im Hintergrund. Nicht als Animateur. Ich bin da. Ich beobachte. Ich höre. Ich frage. Ich bremse. Ich ermutige. Ich halte mit dir den Raum, während dein Atem arbeitet.


1. Das Vorgespräch — wir schauen, wo du gerade stehst

Wir nehmen uns viel Zeit für ein ausführliches Gespräch. Was ist deine Motivation? Wie geht es dir gerade — körperlich, emotional, im Alltag? Gibt es ein Thema, das oben aufliegt? Oder kommst du ohne festes Ziel?


Manchmal liegt ein Faden sehr klar auf dem Tisch. Manchmal ist das Thema schlicht: Sich überraschen lassen. Auch das ist ein Thema.


Das Vorgespräch ist kein Formular vor dem Eigentlichen. Es ist bereits Teil der Arbeit. Wir geben dem Nervensystem eine erste Orientierung. Wir stimmen das System ein — nicht wie eine Maschine, eher wie ein Instrument.


2. Die Atemphase — etwa 60 Minuten aktives Atmen

Du legst dich auf eine Matte. Meistens liegend, manchmal sitzend. Dann ermutige ich dich, tiefer und schneller als gewöhnlich ein- und auszuatmen. Der Atem richtet sich stärker in den Brustraum. Mal durch die Nase, mal durch den Mund. Ohne starres Schema. Ohne Stoppuhr. Ohne Leistungsziel.


Wichtig: Das ist keine Entspannungsatmung. Keine kontrollierte Bauchatmung, kein kohärentes 5-zu-5, keine Wim-Hof-Methode. Das alles hat seinen Platz — aber es ist nicht das, was wir hier tun.


Was wir hier tun, ist ein Hineingehen in einen verstärkten Atemprozess, der durchaus in Richtung Hyperventilation gehen kann — getragen von dem, was sich in dir zeigen will.


Klingt erstmal heftig. Ist es manchmal auch.


Durch das verstärkte Atmen verändert sich körperlich etwas. Vereinfacht gesagt: Der präfrontale Kortex, dieser sehr ordnende innere Projektmanager, tritt etwas zurück. Andere Anteile bekommen mehr Raum. Was dann auftauchen kann, ist sehr individuell. Eine Traurigkeit, die seit Jahren nicht gespürt wurde. Wut. Lachanfälle. Wärme. Kälte. Bilder. Erinnerungen. Ein langer Flow, in dem du irgendwann nicht mehr weißt, wer atmet und wer geatmet wird.


Oder scheinbar: gar nichts.


Ich erinnere mich an eine eigene Sitzung, in der genau das passiert ist. Ich atme. Nichts. Schneller. Nichts. Langsamer. Immer noch nichts. Frustrierend. Das Learning hinterher war so simpel wie unangenehm: Meine Erwartungen waren so stark aufgeladen, dass ich dem Prozess schlicht keinen Raum gelassen habe. Ich hatte in einer früheren Sitzung etwas Schönes erlebt — und wollte es wiederholen.


Robert Anton Wilson nannte so etwas einen Realitätstunnel: Wir nehmen die Welt durch einen Tunnel wahr, den unsere Erwartungen, Erinnerungen und Begriffe vorgeformt haben. Ich war in einem Tunnel meiner alten Sitzung. Und versuchte, eine neue Sitzung durch diesen Tunnel zu sehen. Das Leben präsentiert einem dasselbe nicht zweimal. Nicht mal, wenn man denselben Film schaut.


Ich habe über die Jahre gelernt: Prozesse sehen nicht immer so aus, wie unser Kopf sie gerne hätte. Manchmal ist das Spektakuläre gar nicht das Wichtige. Manchmal ist der entscheidende Moment sehr leise.


3. Die Integrationsphase — etwa 20 Minuten Nichtstun

Nach circa 60 Minuten kommt die Phase des Nichtstuns.


Ich lege ausgewählte Musik auf. Du kommst in deinen natürlichen Atemrhythmus zurück. Du musst nichts. Nichts denken, nichts erklären, nichts verstehen.


Regina nutzt dafür ein Bild, das ich sehr mag: ein Glas mit Kaffeesatz. Durch das Atmen wird alles aufgewirbelt — wie in einem Tornado. Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen. In der Integrationsphase setzt sich der Kaffeesatz wieder.


Du bist danach nicht plötzlich ein anderer Mensch.


Zum Glück.


Aber manchmal liegt etwas anders. Nicht dramatisch. Nicht filmreif. Einfach anders. Ein Satz, der mehr Platz hat. Ein Gefühl, das weniger Druck hat. Eine Klarheit, die nicht aus dem Kopf kommt.


Ich erinnere mich an eine andere Sitzung, in der ich bei einem Thema irgendwann einen goldenen Kreisel in mir wahrgenommen habe — wie ein Rad, das von selbst zu drehen anfing. Ich wurde geatmet, im wahrsten Sinne. Was danach blieb: eine leibhaftige Erfahrung, dass Dinge leichter sein können, wenn wir aufhören, uns selbst im Weg zu stehen.


4. Das Nachgespräch — wir holen das Erlebte auf den Boden

Nach den 20 Minuten gibt es noch einmal Zeit zum Reden. Was ist passiert? Was hat sich gezeigt? Wo lässt sich das ins Leben übersetzen? Wir holen das Erlebte aus dem Raum heraus und in einen realen Kontext.


Das ist mir besonders wichtig.


Warum dieser Rahmen so entscheidend ist


Ich kenne diese Festival-Momente, in denen alles krass ist, alles groß ist, und am nächsten Tag stehst du wieder in derselben Wohnung, mit denselben Menschen, und der Alltag klopft an und sagt: Schön war's. Und jetzt?


Das ist der Realitätsschock — und alle, die im Bereich Persönlichkeitsentwicklung schon eine Weile unterwegs sind, kennen ihn.

Eine Erfahrung allein verändert noch nichts.


Eine Erfahrung — laut oder leise, intensiv oder zart — die in deinen Alltag integriert werden kann, die verändert.


Deshalb arbeite ich mit diesem Rahmen: Vorgespräch, aktives Atmen, Integration, Nachgespräch. Damit das, was sich bewegt, einen Boden bekommt, auf dem es wachsen kann. Genug Struktur, damit du dich sicher fühlst. Genug Flexibilität, damit dein eigener Prozess Raum hat.


Wie es weitergehen kann

Manche kommen für eine einzelne Sitzung und tragen das mit sich. Andere ergänzen die Atemarbeit mit therapeutischen Gesprächen. Manche kommen einmal im Monat, um an sich dranzubleiben. Und es gibt die Möglichkeit, in Gruppen regelmäßig zu atmen — was nochmal eine eigene Qualität hat.


Was für dich richtig ist, finden wir gemeinsam heraus. Wer den Ablauf lieber knapp im Überblick will, findet ihn hier: Wie eine Atemsitzung abläuft — vier Phasen im Überblick.


Nicht höher, schneller, weiter.

Sondern tiefer im eigenen Rhythmus.

bottom of page