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Atemarbeit oder Breathwork — gibt es einen Unterschied?

  • vor 9 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit
Ruhiger Praxisraum in Bremen mit Matten, Kissen und Fenster zum Grünen — Ort für Atemarbeit und Gespräche.

Zwei Wörter, ein Feld — und trotzdem entscheidet der Begriff mit, welches Bild du im Kopf hast, bevor du überhaupt in den Raum kommst. Über Sprache, Tradition und die eigentlich wichtigere Frage.


Neulich am Telefon. Eine Frau, die sich seit Monaten mit dem Thema beschäftigt, fragt fast entschuldigend: „Ist das eigentlich dasselbe — Atemarbeit und Breathwork? Ich blicke nicht mehr durch."


Sie ist nicht die Erste, die das fragt.


Die kurze Antwort: Sprachlich sind es zwei Wörter. Sachlich meinen sie oft dasselbe. Und trotzdem trägt jedes Wort eine andere Landschaft mit sich — eine Herkunft, einen Ton, ein Bild davon, was gleich mit dir passieren soll.


Zwei Wörter, zwei Traditionen


„Atemarbeit" ist im deutschsprachigen Raum gewachsen. Sie hat für mich einen ganz eigenen Ton. Ilse Middendorf. Der Erfahrbare Atem. Regina und Randolph Pleske. Therapeutisches Atmen. Klassische Atemtherapie in Kliniken und Praxen. Es ist ein Wort, das nach Handwerk klingt. Nach Selbstverantwortung. Nach Prozess. Nach etwas, das man mit dir zusammen anschaut, nicht auf dich anwendet.


„Breathwork" kommt aus dem angelsächsischen Raum. Stanislav Grof. Holotropes Atmen. Jeru Kabbal. Quantum Light Breath. Wim Hof. Retreats auf Bali, Podcasts, YouTube-Kanäle mit Millionen Aufrufen. Die Kraft der Technik. Die Peak Experience. Longevity. Der sofortige Zugriff auf einen Zustand, der etwas verspricht — mehr Energie, mehr Klarheit, mehr Kontakt zu dir selbst, manchmal auch mehr Katharsis, als dir lieb ist.


Beides ist Atem. Beides kann Substanz tragen. Und beides trägt auch seine eigenen Missverständnisse mit sich.


Was der Begriff dir schon mitliefert


Sprache ist nie neutral.


Wenn du „Atemarbeit" liest, machst du meist ein anderes inneres Bild auf als bei „Breathwork". Atemarbeit klingt nach ... Arbeit, nach Übung, nach einem Prozess, in dem etwas mit dem Atem entsteht.


Breathwork klingt nach Musik, nach Matte, nach Intensität, nach Tool, häufig nach einem gewissen Aufwind, den wir ganz einfach mitnehmen können, wenn wir die richtigen Tools einsetzen.


Das ist keine Wertung. Es ist eine Beobachtung.


Und es ist der Grund, warum die Frage überhaupt gestellt wird. Die meisten Menschen fragen nicht nach Etymologie. Sie fragen: Was passiert eigentlich, wenn ich zu dir komme? Werde ich hyperventilieren? Werde ich schreien? Werde ich fünf Stunden auf einer Matte liegen und einen Trip erleben?


Berechtigte Fragen. Der Begriff sagt darüber nichts sicher aus. Der Rahmen schon.


Hype und Substanz teilen sich denselben Begriff


Breathwork erlebt gerade eine globale Welle. Atemarbeit, das Pendant im deutschen Sprachraum, bekommt dadurch natürlichen Auftrieb.


Das ist zunächst mal gut — Menschen entdecken einen Zugang zu ihrem Nervensystem, zu ihrer ganzheitlichen Gesundheit und persönlichem Wachstum. Zugänge, die unsere Kultur lange verschlafen hat.


Zugleich gibt es die andere Seite: Wochenendausbildungen, Reels mit inszenierten Krisen als Marketing, Angebote, die versprechen, in vier Sitzungen Traumata aufzulösen. Mit der einen Technik deine chronischen Schlafprobleme zu heilen. Wenn du zwölf Minuten Instagram scrollst, findest du sie alle.


Substanz und Hype tragen dasselbe Etikett. Das macht die Sache verwirrend, aber nicht unlösbar. Die entscheidende Frage ist nicht:


Atemarbeit oder Breathwork?


Die entscheidende Frage ist:


Wer sitzt mir gegenüber, und in welchem Rahmen arbeitet er?


Ich habe als Heilpraktiker viel ausprobiert und viel gesehen. Chakren zu sagen macht dich nicht automatisch zum Spinner. Von Nervensystem-Regulation zu sprechen macht dich nicht automatisch seriös. Die Sprache verrät dir das nicht.

Es gibt Kolleg:innen, die von Chakren sprechen und einen ehrlichen, präzisen, tiefen Raum halten. Es gibt Kolleg:innen, die genau diese Worte benutzen und in einem esoterischen Nebel unterwegs sind. Es gibt Kolleg:innen, die Nervensystem-Regulation sagen und wirklich sauber, klar und in Beziehung arbeiten. Es gibt Kolleg:innen, die genau dieselbe Sprache verwenden und in Wahrheit ein Konzept rezitieren.

Beide Sprachen — die alte spirituelle und die neue neurobiologische — können mit Tiefe gefüllt sein. Oder mit Show. Die Substanz zeigt sich woanders.


Was ich mache: Atemarbeit oder Breathwork?


Waldsee mit Sonnenlicht durch die Bäume — Bild für den ruhigen, offenen Raum, in dem Atemarbeit stattfindet.

Ich nenne es meistens Atemarbeit. Nicht aus norddeutscher Sprachpolizei-Attitüde. Sondern weil das Wort besser trifft, wie ich arbeite.


Ich sehe den Menschen vor mir. Es geht im ersten Schritt darum gemeinsam zu verstehen was er will. Ich schaue, was er denkt und was das Nervensystem gerade braucht — Beruhigung, Aktivierung, Öffnung, Erdung.


Vor einiger Zeit hatte ich einen Klienten, der zu mir gekommen ist, weil er eine Atemselbsterfahrung mit verbundenem Atem ausprobieren wollte. Er litt unter asthmatischen Beschwerden, hatte diese einigermaßen im Griff, kämpfte aber innerlich mit einigen Themen, die das Menschsein mit sich bringt. Wir beschäftigten uns erst einmal primär mit seinem Atem: Wieso, weshalb, warum — probierten Verschiedenes aus. Behutsam kamen wir zu einem Punkt, der es ihm ermöglichte, seine schon gut funktionierenden Atemtechniken wertzuschätzen und zu stabilisieren. Daraufhin begannen wir gesprächstherapeutisch in vielen folgenden Sitzungen über das Wesentliche zu sprechen.


Ich habe die klassischen Werkzeuge über viele Jahre erforscht, forsche weiter und verkörpere sie: verbundenes Atmen, kohärentes Atmen, längere Ausatmung, kontrollierte Aktivierung, Buteyko-Elemente, Wim-Hof-Zyklen.


Manchmal geht es darum im Gespräch und mit einfachen Übungen zu stabilisieren und zu lernen sich zu regulieren. Manchmal darum in einer intensiveren Atemsitzung über das eigene Selbstbild hinauszugehen.


Manchmal ist eine Sitzung ruhig wie ein langer Waldweg. Manchmal ist sie intensiv — immer bleibe ich als Begleiter dicht dran, und wir gehen gemeinsam durch das, was auftaucht.


Aber der Rahmen steht, ob Funktionelles Atmen oder Atemselbsterfahrung: Regulation, nicht Peak-Experience. Beziehung, nicht Technikvorführung. Prozess, nicht Ereignis.


Wenn jemand zu mir kommt und „Breathwork" sagt, gucke ich nicht schräg. Er meint denselben Raum. Er sagt nur ein anderes Wort.


Wenn dich die Methodik interessiert


Wer wissen will, wie Breathwork im Körper wirkt — was mit dem Vagusnerv, mit der Herzratenvariabilität, mit dem CO2-Haushalt passiert; was der Unterschied zwischen ruhigen und aktivierenden Formen ist; welche Formen unter dem Sammelbegriff zusammengefasst werden — dazu habe ich einen eigenen Text: Was ist Breathwork?. Da geht es in die Methodik.


Dieser Text hier ist mehr die Antwort auf eine Frage, die ich am Telefon, in Mails oder bei Release Me höre, bevor jemand kommt — gibt es einen Unterschied zwischen Breathwork und Atemarbeit, und widersprechen sich die zwei Worte?


Der eigentliche Punkt


Und vielleicht ist die präzisere Frage nicht die nach dem Unterschied. Sondern die nach dem Rahmen.


  • Wird hier ein Ereignis inszeniert oder ein Prozess ermöglicht?


  • Ist der Mensch, der begleitet, körperlich und fachlich präsent — oder rezitiert er ein Konzept?


  • Habe ich Raum für das, was auftaucht, oder muss ich funktionieren?


Diese Fragen kann kein Begriff für dich beantworten. Kein „Atemarbeit" und kein „Breathwork". Die Antwort spürst du im Raum. Im Kontakt mit dem, der dir gegenüber sitzt. Meistens beim ersten Gespräch. Manchmal erst beim zweiten Atemzug.

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